Tektonik der Systeme.
Neulektüren von Oswald Spengler

15.12.2009 — 17.12.2009

Vom 15. bis zum 17. Dezember 2009 veranstaltet die Forschungseinheit Text und Interpretation des literaturwissenschaftlichen Departements der Katholieke Universiteit Leuven die internationale Tagung, Tektonik der Systeme. Neulektüren von Oswald Spengler. Die Konferenz hat sich zum Ziel gesetzt, eine Plattform für einen innovativen, kritisch-interdisziplinären Austausch über Spenglers eigensinnige geschichtsphilosophische Rhetorik und deren zeitgenössische Re-Aktualisisierungsversuche zu schaffen.

Wenige philosophische Werke hatten eine solche öffentliche Wirkung wie Oswald Spenglers (1880-1936) kontroverser geschichtsphilosophischer Bestseller Der Untergang des Abendlandes (1918, 1922). Unmittelbar nach der Publikation entstand eine gewaltige Debatte, in die sich zahlreiche Autoren (wie z.B. Thomas Mann, Karl Kraus und Ernst Bloch) mit den unterschiedlichsten Meinungen und Argumentationen einschalteten. Der “Spengler-Streit” spielte sich sowohl in Zeitungsartikeln und kritischen Aufsätzen als auch in Monographien ab und wurde zu einem kulturellen und rhetorischen Referenzpunkt in kulturkritischen Zeitanalysen und historischen Betrachtungen.

Nach 1945 geriet Spenglers Werk jedoch in Vergessenheit: eine tiefgehende Lektüre von dem einmal so umstrittenen und zitierten Untergang des Abendlandes wurde durch sowohl ideologische als auch methodologische (Vor-)Urteile verhindert. Spengler war in den intellektuellen Diskursen der Nachkriegszeit zum philosophischen Kuriosum geworden. Wie Jacques Bouveresse behauptet, gehörte und “gehört es zum guten Ton, über Spengler zu spotten, ohne sich der Mühe zu unterziehen, ihn zu lesen“.

Die Zielsetzung dieser Tagung ist somit eine doppelte:

  1. Erstens möchten wir Bouveresses Herausforderung annehmen und zu Neu- und Querlektüren von Spenglers - auch weniger bekannten - Texten anstacheln. Die Verkennung von Spenglers Schriften scheint fast (wie Theodor W. Adorno argumentierte) eine “Ausflucht” zu sein, die eine Angst vor der Konfrontation mit einem – sowohl politisch als auch rhetorisch – äußerst komplexen und problematischen Corpus verrät. Gerade die stilistische, rhetorische und theoretische Komplexität oder sogar Hybridität von Spenglers Texten werden auf dieser Tagung untersucht, d.h. ihre Grenzposition zwischen Philosophie und Literatur, Logik und Rhetorik. Die Texte des ‚Künstler-Philosophen’ provozieren nahezu Lektüren, die rhetorische und argumentative Strategien (wie z.B. Synthese-, Analogie- und Gegensatzbildungen) aufspüren und Spannungen und Inkongruenzen aus den scheinbar apodiktischen Texten herauslesen.

    Ferner rückt die Tagung auch die Frage in den Mittelpunkt, inwiefern diese Spannungen (zwischen Kontinuität und Diskontinuität, Traditionalismus und Radikalismus, organ[olog]ischen Staatsvorstellungen und technokratischen Phantasmen, usw.) geradezu charakteristisch sind für Diskurse der Konservative Revolution oder des sogenannten "deutschen antimodernistischen Modernismus" (Richard Herzinger).

  2. Zweitens will die Tagung ihr Augenmerk auf die erneute internationale Rezeption von Spenglers Werk nach dem Fall der Mauer 1989 richten. Nach der Verstörung von eindeutigen Links/Rechts-Gegensätzen seit 1989 kann eine auffällige Renaissance von Spenglers Werk – und allgemeiner von kulturpessimistischen Diskursen – festgestellt werden. Deswegen lädt diese Tagung auch zu Beiträgen ein, die sich der Tendenz, Oswald Spengler als Zeitgenossen zu “rehabilitieren”, widmen. Im deutschen Kontext könnte zum Beispiel die ästhetische und essayistische Reaktualisierung von Spenglers Schriften bei Botho Strauß, Rolf Hochhuth, Reinhard Jirgl und Peter Sloterdijk kritisch analysiert werden.

Die Vertiefung der beiden Tagungsschwerpunkte sollte zu einer notwendigen Korrektur des gängigen oder klischeehaften Spengler-Bildes und einer adäquateren Verortung von Spenglers Werk in sowohl zeitgenössischen als auch aktuellen diskursiven Netzwerken führen.